Donnerstag, 7. Dezember 2017

Philip Pullman: Über den wilden Fluss {Bücherwelt}

Springt mit ins Boot! Meine Lieblingsneuerscheinung des Monats November wird Euch mitnehmen auf einen mitreißenden (Lese)fluss.



Vor einigen Jahren las ich begeistert Philip Pullmans Trilogie "His dark Materials" (Der goldene Kompass /  Das Magische Messer /  Das Bernstein-Teleskop). Die Verfilmung anzuschauen, habe ich mir erspart, denn ich wollte mir meine eigenen Bilder ungern nehmen lassen.
Sehr gespannt war ich deshalb, als ich erfuhr, dass Pullman mit seinem neuen Roman "Über den wilden Fluss" den ersten Teil einer neuen Trilogie ("Book of Dust")  geschrieben hat. Sie soll seine "His dark Materials"-Bücher zeitlich sozusagen einrahmen.

"Über den wilden Fluss" erzählt die Vorgeschichte, die ungefähr zehn Jahre vor der Handlung des "Goldenen Kompass" einsetzt.
Pullman führt uns in ein scheinbar bilderbuchähnliches Oxford, in dem der 11-jährige Malcolm Polstead, rothaarig, praktisch begabt, neugierig und großherzig seinen Gastwirts-Eltern im Pub "Zur Forelle" am Ufer der Themse zur Hand geht. Freiwillig hätte er wohl das 14-jährige Spül- und Serviermädchen  Alice  nicht als die weibliche Protagonistin ausgewählt, die ihm für sein Abenteuer zur Seite gestellt wird. Sie weiß sich gegen aufdringliche Gasthauskunden zu wehren und kann recht kratzbürstig und scharfzüngig sein - vor allem gegenüber Malcolm.


Malcolm hilft gern den Nonnen im Kloster auf dem gegenüberliegenden Ufer in der Küche und erfährt so, dass dort das halbjährige Baby Lyra (die wir als kindliche Heldin aus dem "Goldenen Kompass" kennen) zur Pflege und zum Schutz untergebracht wird. Die Idylle bekommt nun rasch Risse.
Malcolm muss miterleben, dass missliebige Wissenschaftler beseitigt und Schüler organisiert zum Ausspionieren und Denunzieren von Eltern und Lehrern angeleitet werden. Die freie Äußerung seiner  Meinung wird lebensgefährlich. Der Junge wird zusehends in das Netz des sich organisierenden Widerstandes eingebunden.
Durch eine dramatische Klimaänderung steigt der Fluss sintflutartig über die Ufer, so dass Malcolm und Alice unfreiwillig zum Team werden müssen, um das Baby Lyra vor seiner sowohl schönen wie auch grausamen Mutter und deren Handlagern zu retten, und zum Vater, Lord Asriel zu bringen.

Dabei wird Malcolms Kanu  "La belle Sauvage" (dt. die schöne Wilde), die im englischen Original titelgebend ist, fast selber zu einer Art Protagonistin. Sie wurde von den mysteriösen Gyptern auf ihre Aufgabe vorbereitet. "Dieses Boot wird jetzt das flotteste auf der Themse sein, abgesehen von richtigen gyptischen Booten. Es wird das Wasser durchschneiden wie ein heißes Messer die Butter."



Der zweite Teil des Buches spielt im Boot auf dem tobenden, unwettergepeitschten Fluss, und seinen gefahrvollen, düsteren Uferseiten, wo die Landschaft im Dauerregen versinkt und stattdessen mystische Orte emporsteigen.
Während die Protagonisten versuchen müssen, ihrem direkten alptraumhaften Gegenspieler Bonneville und den anderen Verfolgern einer totalitären Kirchenorganisation zu entkommen, will das Baby naturgemäß gewickelt und mit Milch versorgt werden,

Faszinierend finde ich Pullmans Idee, seinen Figuren individuelle tierische Anhängsel zu geben, die "Daemonen", die eine Art seelische Doppelgänger sind. Im Kindesalter der Romanfiguren sind diese noch in der Lage je nach Seelenstimmung sich in unterschiedliche Tiere zu verwandeln. Nach der Pubertät verfestigen sie sich. Der Daemon des düsteren Gegenspielers der Kinder, Gerard Bonneville, ist eine Hyäne, die keine Zweifel über beider Gesinnung lässt...
Malcolm selber rätselt , ob man selber etwas dafür kann, welche Gestalt der eigene Daemon annehmen wird. Der Dachsdaemon seiner Mutter belehrt ihn: "Du hast nicht gesagt, dass man ihn nicht auswählen kann, sondern dass man nichts dafür kann. Man kann sehr wohl etwas dafür, aber man weiß nicht, dass es so ist."
 
Nicht minder spannend ist das "Alethiometer", das zwar wie ein Kompass die Richtung in die Zukunft oder die Vergangenheit weisen kann - so man in der Lage ist, seine vielen Symbole zu deuten. Interessant sind Pullmans Steampunk-Elemente, man fühlt sich immer wie in einer Parallelwelt.



Ob man sich als junger oder älterer Erwachsener mit den beiden Protagonisten ins Abenteuer wagt, Pullmans Sprache, die Magie seiner Welt und eindrückliche kraftvolle Bilder nehmen einen gefangen.  Es ist spannend, die Entwicklung der beiden jungen Protagonisten Alice und Malcolm und ihres Verhältnisses zueinander auf ihrer atemlosen Reise mitzuerleben.

Ein Buch, das in keinem Moment langweilig wird und dem man sich kaum entziehen kann. Wenn man sich dann warm gelesen hat, kann man gleich im "Goldenen Kompass" nachlesen, was aus Baby Lyra geworden ist.

Absolute Leseempfehlung

Für junge LeserInnen ab ca. 13 Jahren und Erwachsene

Philip Pullman: Über den wilden Fluss
Carlsen Verlag
Erschienen am 17.11.2017



       

1 Kommentar:

  1. Hallo. Ja, den *goldenen Kompass* (!) und seine 2 Folgebände hab ich gern gelesen. Daher war ich skeptisch, ob ich die Vorgeschichte auch mag. Ist ja manchmal nur ein *Aufwärmen*. Aber werde jetzt doch mal reinschauen.
    Liebe Grüsse
    Nina

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