Dienstag, 26. September 2017

Elena Lappin: In welcher Sprache träume ich? {Bücherwelt]

Am Anfang dieses Jahres habe ich mir vorgenommen, Euch in jedem Monat ein gerade frisch erschienenes Buch,das mir gefällt, vorzustellen und zu empfehlen.

Im September fällt meine Wahl auf einen Roman, der sich einerseits um die spannende Familiengeschichte von Elena Lappin, der Autorin des Buches, dreht. Andererseits verspricht schon der Titel, dass das persönliche Verhältnis zur (Mutter)-Sprache thematisiert wird.
Das interessiert mich sehr, denn zum einen fand ich schon im Studium Linguistik höchst interessant und außerdem wachsen meine beiden Lockenmädchen in Vermont zweisprachig auf.


Elena Lappin verfolgt ihr "Leben entlang der Bruchlinien seiner Sprache" zurück.
Sie wird zunächst in Moskau in das russische Sprachumfeld geboren. Als ihre Mutter, jüdisch-armenischer Herkunft, zu ihrem tschechischen Ehemann zieht, wächst Elena in den frühen 50iger Jahren im liberaleren Prag in ihrer Famile auf, in der russisch und tschechisch gesprochen wird.
Die glückliche Zeit dort ist vorbei mit dem Ende des Prager Frühlings durch die Invasion russischer Panzer.
Die Eltern verlassen daraufhin die Tschechoslowakei, ohne die Kinder in die Endgültigkeit des Wegzugs einzuweihen. Nun erlebt die Familie einen absoluten Neuanfang in Deutschland. Die Eltern müssen beruflich (als Übersetzer) wieder von vorne beginnen, für Elena und ihren Bruder Maxim bricht eine Schulzeit mit einer gänzlich neuen Sprache an.

Während der Bruder Maxim ( das ist übrigens der Schriftsteller Maxim Biller) in Deutschland bleibt und in der deutschen Sprache literarisch tätig wird, führen Elenas Wege weiter über Israel, Kanada, USA und England. So muss sie auch im Hebräischen (Iwrit) und Englischen heimisch werden und erneut Fuß fassen.

"[...] wenn man von Ort zu Ort, von Land zu Land, von Sprache zu Sprache zieht, oder eher, wie so oft der Fall: flieht, schreibt man die Erzählung des eigenen Lebens ständig um." (E. Lappin)

Sehr bewegt haben mich die Schilderungen der wiederholten Entwurzelungen aus der Heimat oder einem heimatlich gewordenen Zuhause und die Verpflanzung in neue Lebenssituationen und neue Sprachen. Die Möglichkeit kann genutzt werden, um neue Wurzeln zu schlagen, sich eine andere Sprache neu "einzuverleiben".  Wie schwer es ist, sieht man aber durch kindliche Traumatisierungen und eine tiefliegende Traurigkeit, die manchen ein Leben lang begleitet.
Mit der Beschäftigung mit der Sprache, dem Verlust der Heimat erwacht natürlich auch bei den jungen Menschen die Frage nach der eigenen Identität, den familiären Wurzeln. Fragen, die Elena auch wieder zur jüdischen Herkunft ihrer Familie führt, ein Thema das vorher noch keine Rolle gespielt hat.



Elena Lappin erzählt ihre Geschichte mit Lebensklugheit und auch mit Witz - die Originalsprache des Buch ist Englisch, hier hat sie also eine sprachliche Heimat gefunden.

Und die Familiengeschichte?
Erst im Laufe der Jahre hat Elena erfahren, dass nicht nur ihr sprachlicher Lebensweg gewunden ist, sondern auch ihre familiäre Herkunft. Der tschechische Vater, der sie liebevoll aufzog, stellt sich nicht als ihr biologischer Vater heraus, sondern ein anderer Mann, der auf unerwarteten Wegen wieder ein Band zur englischen Sprache knüpft (mehr will ich hier nicht verraten).

Ein Buch, das auf spannende, intelligente und ganz neue Weise Familiengeschichte, Zeitgeschichte, Themen wie Heimat, Verwurzelung und Muttersprache verknüpft, so dass man es ungern wieder aus der Hand legt.
Sehr aktuell ist der Blickwinkel zudem auch...

Elena Lappin: In welcher Sprache träume ich? Die Geschichte meiner Familie.
Kiepenheuer & Witsch Verlag, September 2017

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Kommentare:

  1. ich bewundere menschen, die viele sprachen gelernt haben, denn ich kann außer ein bisschen englisch und ein paar brocken französisch und dänisch keine weitere sprache. dass damit allerdings oft auch so etwas wie heimatlosigkeit und entwurzelung verbunden ist, war mir bisher nicht so klar.
    danke für die anregung!
    liebe grüße
    mano

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  2. Nun hab ich es mir bestellt. Es ist so ein spannendes Thema: Muttersprache und Vaterland, Fremdsprache und Ausland... und da ich mich selbst als Auslandsdeutsche (interessanter Titel, oder?) mit zwei ausländische SchwägerInnen täglich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen habe... bin ich sehr gespannt auf die literarische Umsetzung... Vielen Dank für die Anregung, liebe Grüße Maren

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  3. "Dans quelle langue est-ce que je rêve ?" in franz übersetzt * habe dieses buch noch nicht gelesen, notieren gerne den titel * bin 2sprachig franz./deutsch in Frankreich aufgewachsen und versuche die "musik" jeder neue sprache die ich begegne in mein inneres zu behalten * es ist, meine ich, etwas gutes nicht "eingezäunt" zu sein in einer einzige sprache * man kann etwas leichter umdecken, um an anderen meinungen heranzukommen * Vassilis Alexakis hat auch viel darüber geschrieben * sein roman in griechisch "la langue maternelle" hat er selber in franz. übersetzt * hinter dieses liegen oft komplizierte schicksale und heutzutage leben die menschen oft weit von ihrem geburtsort.
    liebe grüsse

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  4. Ah, ja, ein Buch das mich interessiert! Kommt auf meine Liste!

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  5. Von diesem Buch habe ich gehört, es klingt wirklich interessant. Aber erst heute war ich wieder in der Bücherei und habe mir ein Buch mitgebracht, obwohl ich gerade erst ein neues angefangen habe.
    Als ich zum Sprachkurs in London war, hatte ich übrigens zweimal geträumt, dass ich zum Friseur gehe, er mein Englisch nicht versteht und mir daraufhin eine absolut schlimme Frisur schneidet. Sehr merkwürdig, vor allem weil ich einen Friseurbesuch gar nicht vorhatte.
    Liebe Grüße
    Jutta

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  6. Familiengeschichte, Zeitgeschichte, Heimat, Verwurzelung - alles Themen die mir sehr am Herzen liegen, liebe Andrea. Vielen Dank für den Tipp. Jetzt wo die Abende länger werden, komme ich bestimmt zum Lesen. Liebe Grüße, Nicole

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  7. Das Buch klingt sehr spannend!
    Ich habe ja mal für vier Monate im Rahmen eines Auslandssemesters in Finnland gewohnt. Zum ersten Mal in meinem Leben war es dort normal, dass ich kein Wort von dem verstehe, was um mich herum gesprochen wurde (und finnisch kann man sich ja auch nicht herleiten). Klar, mit der Zeit versteht man einzelne Vokabeln, aber an sich war ich wirklich lost. Spannende Erfahrung, die vielleicht viel mehr Menschen machen sollten.

    Liebe Grüße
    Sabrina

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